Film

Wer war Andrej Tarkowskij? Retrospektive im Moviemento

Ein Kunstwerk – das bedeutet in jedem Fall die organische Verknüpfung von Idee und Form.

An Iwans Kindheit ging ich noch nicht mit solchen Überlegungen heran. Die kamen bei mir erst als Resultat der Arbeit an diesem Film auf. Wie überhaupt vieles von dem, was mir jetzt klar ist, vor Iwans Kindheit keineswegs geklärt war.
Selbstverständlich ist mein Standpunkt subjektiv. Doch so ist das nun einmal in der Kunst: Im Werk eines Künstlers bricht sich das Leben im Prisma seiner persönlichen Wahrnehmung, zeigen sich in unwiederholbaren Einstellungen die verschiedenen Seiten der Wirklichkeit. Doch obwohl ich den subjektiven Vorstellungen eines Künstlers und seiner persönlichen Weltsicht große Bedeutung beimesse, bin ich gegen Willkür und Anarchie. Das Entscheidende ist die Weltsicht und die ethische, ideelle Zielsetzung.

Meisterwerke entstehen aus dem Bemühen, ethische Ideale zum Ausdruck zu bringen. Sie bestimmen die Imagination und das Empfinden eines Künstlers. Wenn er das Leben liebt, dann verspürt er auch die unbedingte Notwendigkeit, dieses Leben zu erkennen, es zu verändern, dazu beizutragen, dass es besser wird. Mit einem Wort: Wenn es dem Künstler darum geht, das Leben lebenswerter zu gestalten, dann kann es auch keine Gefahr sein, wenn die Wirklichkeit bei ihrer Darstellung den Filter seiner subjektiven Vorstellungen und seiner seelischen Zustände durchläuft. Sein Werk ist dann immer das Resultat einer geistigen Bemühung im Namen der menschlichen Vervollkommnung, Ausdruck einer Weltsicht, die uns durch die Harmonie von Empfinden und Denken, durch ihre Würde und ihre Einfachheit gefangennimmt.

Meine Überlegungen laufen im allgemeinen auf folgendes  hinaus: Wenn man auf einer festen ethischen Grundlage steht, dann braucht man sich auch nicht vor einer größeren Freiheit in der Wahl seiner Mittel zu fürchten. Ja, mehr noch: Diese Freiheit braucht noch nicht einmal immer von einem klaren und eindeutigen Konzept beschränkt zu werden, das einen zur Entscheidung zwischen dieser oder jenen Lösung drängt. Unabdingbar ist allein, dass man spontan sich ergebenden Lösungen auch tatsächlich vertraut. Wichtig ist natürlich auch, dass sie den Zuschauer nicht durch überflüssige Kompliziertheit abstoßen. Doch das erreicht man eben keinesfalls mit Überlegungen, die dieses oder jenes filmische Verfahren von vornherein ausschließen. Dazu muss man vielmehr die eigenen Erfahrungen in den vorangegangenen Arbeiten auf jene tauben Stellen hin abklopfen, die im natürlichen und spontanen Schaffensprozess zu überwinden sind.
Ehrlich gesagt, sollte mir de Erfahrung dieses ersten Films auch die Frage klären helfen, ob ich überhaupt die Fähigkeiten zu einem Filmregisseur hatte. Aus diesem Grunde lockerte ich sozusagen die Zügel. Ich versuchte, mir keinerlei Zwänge aufzuerlegen, und brachte mich ganz in diesen Film ein. Damals dachte ich: „Wenn dieser Film etwas wird, dann habe ich mir das Recht erworben, Filme zu machen.“ Gerade deshalb hatte Iwans Kindheit eine besondere Bedeutung für mich. Ich betrachtete diesen Film als ein Examen, bei dem sich mein Recht auf schöpferischer Arbeit herausstellen sollte.

Andrej Tarkowskij in: Die versiegelte Zeit, Alexander Verlag Berlin