Philosophie

Immanuel Kant

Konrad Paul Liessmann
DENKEN UND LEBEN
„Die Grenzen der Vernunft“ – Immanuel Kant
In seinem berühmten, ja geradezu berüchtigten Hauptwerk der „Kritik der reinen Vernunft“, das als eines der kompliziertesten und schwierigsten Bücher der philosophischen Literatur gilt, hatte sich Kant im Grunde eine ganz einfache Frage gestellt, nämlich was leistet die Vernunft für die menschliche Erkenntnis, worin liegen tatsächlich die Kompetenzen unseres vernünftigen Denkens, wie sind die Grenzen der Vernunft zu ziehen, und vor allem, was leistet die reine Vernunft für die Beantwortung der alten metaphysischen Fragen
also etwa
der Frage nach der Freiheit des Menschen,
der Frage nach Gott als dem Urgrund allen Seins,
der Frage nach der Unsterblichkeit der Seele.

Kant machte sich also daran, die Vernunft kritisch zu befragen und zu untersuchen, gerade weil er, dem Denken der Aufklärung verpflichtet, davon ausging, dass die Vernunft die entscheidende und letztlich die einzige Instanz ist, die der Mensch zur Verfügung hat, um über Wahrheit und Falschheit, um über das was er tun soll oder nicht tun soll, zu entscheiden.
Gerade deshalb war es für Kant notwendig, diese Vernunft zu prüfen, und er selbst, der ja lange Zeit auch noch davon ausgegangen war, dass im Sinne der traditionellen Metaphysik und des nationalistischen Denkens die Vernunft durchaus die Kompetenz haben sollte, diese großen Fragen aus sich heraus zu beantworten, wurde durch diese genaue Beschäftigung mit diesen Problemen eines Besseren belehrt.
Eigentlich war es schon das Studium der Schriften des englischen empiristischen Philosophen David Hume gewesen, dass Kant, so wie er es selbst formulierte, aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hatte, also aus jenem Glauben geweckt hatte, dass die Vernunft gleichsam unantastbar sei.
Ganz im Gegenteil, Kant muss die Erkenntnis gewinnen, dass die Vernunft äußerst begrenzt ist. Sie ist zwar ein ganz wesentlicher Bestandteil unseres Erkenntnisvermögens, aber Erkenntnis als solche ist unmöglich nur auf Grund und auf Basis der reinen Vernunft. Wir bedürfen, das lernte er vom Empirismus, wir bedürfen dazu natürlich auch der sinnlichen Wahrnehmung, der Anschauung, wie Kant es nannte, der sinnlichen Erfahrung.
Allerdings ging er nicht so weit, wie die Empiristen zu behaupten, dass nur in der sinnlichen Erfahrung unser Erkenntnisvermögen liege. Nein, Kant war derjenige, der auf außerordentlich geschickte Art und Weise versuchte, das Zusammenspiel von Vernunft und Erfahrung als Grundprinzip unserer Erkenntnis zu fundieren. Wir brauchen beide Vermögen. Wir brauchen unsere Sinnesorgane, wir brauchen unsere Erfahrungen, wir brauchen unsere Anschauungen, unsere Phantasien, unsere Emotionen auf der einen Seite und wir brauchen die Vernunft, das Denken, die Rationalität auf der anderen Seite, um diese unendliche Mannigfaltigkeit von Sinneseindrücken, denen wir in jeder Situation ausgesetzt sind,
zu Ordnen,
zu Klassifizieren,
daraus Schlussfolgerungen zu ziehen
und so zu einer Erkenntnis der Wirklichkeit vorzudringen.
Wie weit können wir allerdings die Wirklichkeit erkennen?
Eine Frage, die Kant ganz intensiv beschäftigte, und die er in gewisser Weise salomonisch löste.
Gleichzeitig war diese salomonische Lösung auch der eigentliche Wendepunkt seiner Philosophie, war das revolutionäre in seiner Philosophie.
Denn bislang hatte man von der Antike weg über das Mittelalter bis hin in die neuzeitliche Philosophie ja immer versucht Mittel und Wege zu finden, um die Wirklichkeit, die Objekte, das Sein, die Dinge so zu erkennen wie sie tatsächlich sind, also in ihrer Wahrheit zu erkennen.
Kant sagt das ist der falsche Weg. Wir müssen das Ganze umdrehen.
Nicht wir können die Dinge in ihrer Wahrheit erkennen, sondern die Dinge richten sich nach unseren Erkenntnisvermögen. Unsere Erkenntnisvermögen haben ganz eine bestimmte Struktur und wir werden nur dasjenige erkennen können, was dieser Struktur unserer Erkenntnisvermögen entspricht.
Das heißt unsere Erkenntnismöglichkeit der Welt ist begrenzt und sie ist begrenzt durch die Art und Weise wie wir erkennen.
Deshalb Kant’s große Wertlegung darauf, dass zuerst die Formen unserer Erkenntnis analysiert werden müssen, denn dann erst können wir wissen, was wir überhaupt erkennen können.
Die Konsequenz, die er daraus zog, war ernüchternd. Wir können die Welt nicht erkennen wie sie an sich ist. Das Ding an sich, wie Kant das formulierte, wird uns in seiner Wahrheit immer verborgen bleiben. Wir können die Wirklichkeit nur erkennen, wie sie uns, d.h. unserem Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparat erscheint.
D.h. wir müssen unterscheiden, so Kant, zwischen der erscheinenden Wirklichkeit und der Wirklichkeit wie sie an sich ist. Gegenstand unserer wissenschaftlichen Durchdringung der Welt, kann und wird immer nur die erscheinende Welt sein, und die wiederum ist abhängig davon wie unser Erkenntnisapparat gebaut ist. Wohl können wir die Begrenztheit der Sinnesorgane durch die Vernunfttätigkeit in einem gewissen Rahmen korrigieren, aber wir können sozusagen diese Grenzen, die der Vernunft auch selber gesetzt sind, nicht tatsächlich überschreiten.
Dieses Zusammenspiel von Anschauung und Vernunft, von Erfahrung und Denken, hat nach Kant noch eine andere Dimension, noch eine andere Konsequenz. Die Erfahrung kann ja nur, oder die Erkenntnis durch Erfahrung kann ja nur funktionieren, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
Alle Erfahrung, so Kant, findet z.B. statt in den von ihm sogenannten „Anschauungsformen“ Raum und Zeit.
Es gibt keine Erfahrung, und jeder kann das sofort an sich selbst überprüfen, die nicht in irgendeinem Raum stattfindet, also an irgendeinem Ort stattfindet, die nicht zu irgendeiner Zeit stattfindet. Wir können uns sozusagen ortlose und zeitlose Erfahrungen gar nicht denken. D.h. für Kant ist das eine logisch notwendige Voraussetzung für jede Erfahrung, dass Raum und Zeit gegeben sind. Deshalb sind diese Anschauungsformen für ihn a priori, d.h. von vornherein gegeben.
Auf der anderen Seite ist auch der Verstand, die Verstandestätigkeit, also unsere Fähigkeit
zu ordnen,
zu gliedern,
Verhältnisse herzustellen,
logische Schlussfolgerungen zu ziehen,
ist diese Verstandesstätigkeit als solche ebenfalls nicht Resultat von Erfahrung, weil sie es ja überhaupt erst möglich macht …