Literatur

Saul Bellow

Heute vor genau 100 Jahren wurde der Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Saul Bellow geboren

„Sehr verehrter Herr Präsident!“, schreibt der aufgebrachte Titelheld seines Meisterromans Herzog (1964) in einem imaginären Brief an das Weiße Haus.
„Das Leben eines jeden Staatsbürgers wird zum Geschäftsbetrieb. Das ist meiner Ansicht nach eine der schlimmsten Auffassungen vom Sinn des menschlichen Lebens, die die Welt bisher gesehen hat. Das menschliche Leben ist kein Geschäft.“Die kulturpolitische Bestandsaufnahme seiner Zeit machte Bellow vor allem an einem wiederkehrenden Thema seiner späteren Romane fest: der Ökonomisierung des Bildungssystems. Früh geißelte er den verheerenden Kahlschlag, den eine einseitig technisch orientierte Ausbildung für die Konfliktbewältigung der Gesellschaft bedeutet.
Im Alterswerk Ravelstein (2000), dem berührenden Epitaph für seinen verstorbenen Freund und Universitätskollegen Allan Bloom, heißt es: „Wir hatten uns der High-Tech unterworfen … An amerikanischen Universitäten war eine richtige Ausbildung nicht mehr möglich, es sei denn, man wollte Raumfahrtingenieur, Computerspezialist oder so etwas werden. In Biologie und Physik waren sie hervorragend, in den Geisteswissenschaften eine Katastrophe.“
Dem setzte Bellow Bildung als Lebenswert entgegen: gegenwärtig gemachte Erfahrungen, die auf philosophischen Einsichten und literarischem Wissen sowohl aus der Geschichte als auch dem Heute gründen und das Verständnis von politischen wie privaten Vorgängen erst möglich machen.
Auszüge aus dem Artikel „Aufsteiger und Außenseiter zugleich“

Am 10. Juni jährt sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal: Der amerikanische Literaturnobelpreisträger Saul Bellow hat ein Werk hinterlassen, das das Unverfügbare des Lebens gegenüber dem rein materiellen Kalkül feiert.

Der Standard Samstag, 6. Juni 2015
von Oliver vom Hove